„Die nächste Runde geht auf mich, Jungs. Ich werde Großgrundbesitzer!“ Mischa wedelte mit einem Bündel Papiere und brachte die stickige Luft der Kneipe in Bewegung. Unter beifälligem Gemurmel seiner Kumpels mühte sich Mischa mit dem Vorlesen: Seine geliebte Erbtante war nach langer Krankheit verstorben und hinterließ ihm den seit Jahrhunderten in Familienbesitz prosperierenden Hof mit Viehwirtschaft und 14,8 Hektar Land.
„Ich sag euch, Schweine schlachten und Bäume ausreißen. Das ist das richtige Leben für mich. Hier in der Stadt gibt’s doch eh keine Jobs mehr.“ Mischa tätschelte seine umfangreichen Oberarme und sah sich mit bloßen Händen mannsgroße Möhren aus dem Boden ziehen.
„Das wird doch nie was, du hast doch keine Ahnung von Landwirtschaft“, höhnten seine Zuhörer. „Wusstest du schon, dass Milch aus Kühen kommt und nicht in Tüten an Bäumen wächst?“ „Natürlich weiß ich das“, brummte Mischa verärgert, überlegte aber doch, ob er das mit dem Melken schaffen würde. Schon holte jemand aus einer der dunkleren Ecken des Lokals den Professor und stellte ihn vor Mischa hin. „Nimm den Prof mit, der kennt sich aus. Stimmt doch, Prof?“ Der Professor wackelte unsicher vor und zurück, blinzelte und strich sich das schüttere Haar aus dem Gesicht. „Was stimmt, bittesehr?“ Nun wurde des Professors Lebensgeschichte auf den Tisch gebracht, wie er Agrarwissenschaft studiert hatte, in eine Kommune gezogen war, Feldforschung veröffentlicht hatte und Teleprofessor wurde. Schließlich war er aber im Zuge von praktischer Genoptimierung am Papaver somniferum dem Morphium erlegen und brachte sein Leben nicht mehr auf die Reihe. Dem Professor war es ein bisschen unangenehm, so vorgeführt zu werden, aber Mischa wurde immer begeisterter und so wurden sie sich dann doch einig. Der Prof sollte mitkommen und konnte soviel Schlafmohn anbauen, wie er wollte. Dafür sollte er in allen landwirtschaftlichen Fragen erster Berater des Chefs sein.
Wenige Tage später saßen die beiden mit schweren Koffern im Minitrain auf dem Weg nach Großposemuckel. Der Professor mit einer altertümlichen Datenbrille auf der Nase las die neuesten Fachartikel über Gartenbau in Westpolen. Mischa sah aus dem Fenster. Nach den Gewächshäusern außerhalb der Stadt gab es jetzt nur noch kilometerweit Mais, Soja, Raps und Getreidefelder. Windräder. Ein paar verfallene Dörfer. Dazwischen lange Bahnen weglosen Waldes, in dem alles durcheinanderwuchs. Einmal mit einer Energieholzmaschine da durchfahren und alles kurz und klein schreddern, davon träumte Mischa, als der Professor plötzlich aufsprang: „Wir brauchen frische Elinge. Die bei deiner Erbtante sind bestimmt nur v4.1, wenn überhaupt. Ohne die richtigen Elinge arbeiten wir uns krumm und bucklig und halten kein Jahr durch.“ Rasch koppelte er ihr Abteil aus dem Überlandtrain aus und suchte einen stillen Feldweg, fernab der Straße. „Wir parken hier und warten bis zur Dämmerung. Das ist unauffälliger.“ Mischa traute sich nicht, zu fragen, sondern packte seine Reisebrote aus, entledigte sich seiner Schuhe und Strümpfe und ging betont barfuß am Waldrand entlang, während der Professor ein paar Schritte ins Feld gegangen war und vor sich hin murmelnd mit den bloßen Händen im Boden grub. Doch kaum hatte Mischa sich hingesetzt und ein wenig mit den Zehen gewackelt, piepte am Minitrain ein Alarm. Er sprang auf und rannte zurück, schaute sich mit dem Professor alles an, konnte aber keine Ursache entdecken. Als er zurück zu seinen Broten kam, waren sie verschwunden. Verdammte Natur, dachte Mischa und trank wenigstens sein Bier, das noch unberührt stand. Die Stunden bis zum Abend verbrachte er damit, von seinem Gutshaus zu träumen, und von den Bergen von Mais, die er mit einem riesigen Traktor einfahren würde.
„Also, Folgendes ist der Plan“ erläuterte schließlich der Professor. „Wir lassen alle elektronischen Geräte und Tags hier im Wagen, dann marschieren wir da rüber zur Ladestation.“ Er zeigte auf einen weißen Mast mitten im Feld, dessen Spitze mit der einbrechenden Dunkelheit blau zu blinken angefangen hatte. „Ich programmiere die Station so, dass sie die Elinge zu sich ruft und in den Winterschlafmodus versetzt. Du gräbst sie dann aus und sammelst sie in diesen Sack hier.“ „Äh, wie sieht denn ein Eling aus, Prof?“ Der Professor stockte, als er versuchte, sich auf das Wissensniveau seines Gegenübers herab zu begeben. „Ah… rund… wie eine große Murmel. Braun. Schleimig. Ganz harmlos.“ „Ok… Na dann…“ Sie zogen los, fühlten sich ganz nackt ohne die Gadgets und Chips und Wearables, die sie zurückgelassen hatten, um keine digitale Spur zu setzen. Der Wagen war gut verschlossen und nur mit ihren persönlichen Stimmcodes und Fingerabdrücken zu öffnen, aber Mischa beschlich trotzdem ein mulmiges Gefühl. Jetzt sind wir wie die Urmenschen, dachte er, durch das Feld stapfend, und hatte sich sogar einen Knüppel vom Waldrand mitgenommen, um diese Murmeln besser ausgraben zu können.
Als Mischa genau den 100. Eling aus der Erde holte und in den gut gefüllten Sack warf, gab dieser das 100. Stress-Signal ab, woraufhin die Ladestation zu dem Schluss kam, dass Wildschweine am Werk seien. Ein ohrenbetäubender Lärm brach los, Lichtblitze zuckten, um die Station zischte ein Draht, der Stromstöße verteilte, ein ekelhafter Schweißgeruch füllte die Luft. Mischa stürmte los, Beute und Professor waren vergessen, nur weg von dem Höllending! So schnell er konnte rannte er zum einzigen vertrauten Ort in dieser finsteren Umwelt, dem Minitrain. Das Sausen und Brausen hinter ihm wurde schon leiser, aber erst in der ruhigen Sicherheit des Abteils würde er einen klaren Gedanken fassen können. Mischa riss die Tür auf und erstarrte: seine Koffer waren geöffnet, ihr Inhalt lag im Abteil verstreut und dazwischen stand ein junges, vermummtes Mädchen von höchstens sechzehn Jahren. Und starrte ihn ebenso sprachlos an.
Dann war es Emmi gewesen, die zuerst einen klaren Gedanken gefasst hatte. Sie hatte Mischa vorsichtig davon überzeugt, erstmal den Professor zu retten, hatte die Alarmanlage der Ladestation ausgeschaltet und dann den Sack mit Elingen geschleppt, während Mischa den ohnmächtigen Prof wie ein Baby auf den Armen zum Wagen trug.
„Die Anlage dachte, ihr seid Wildschweine“, grinste Emmi. „Aber wir sollten trotzdem abhauen. Großposemuckel, hm?“ Sie runzelte die Stirn, als sie den Navi wieder aktivierte. Zusammen kümmerten sie sich um den Professor, der auch bald wieder aufwachte und den jungen Gast bestaunte. „Was macht denn so eine kleine Person alleine auf dem Land? Du hast was ausgefressen, stimmt‘s? Kannst nicht in die Stadt?“ Nicht ohne gewissen Stolz erzählte Emmi, dass sie zwar erst 15 Jahre alt war, aber tatsächlich auf internationalen Fahndungslisten stand und jetzt auf dem Weg nach Litauen zu einer befreundeten Hackerkommune war. Allerdings musste sie Überwachungskameras strikt meiden oder ihr Gesicht verbergen, was in der Stadt nicht erlaubt war. Am linken Auge und Ohr, und an beiden Händen trug sie seit Jahren schon elektronische Implantate, die ihr erlaubten, sich schnell in alle möglichen Systeme einzuhacken. So hatte sie auch problemlos in den verschlossenen Minitrain einbrechen können. „Und Sorry für die Brote. Ich hatte so einen Hunger“, entschuldigte sie sich.
„Was habt ihr da eigentlich geklaut?“ fragte Emmi nun ihrerseits. „Elinge natürlich, was sonst!“ platzte Mischa heraus, und weil er nicht zugeben wollte, dass er immer noch nicht so genau wusste, was das ist, holte er eine Handvoll hervor und streckte sie Emmi hin. Von der Wärme seiner Hand wachten sie aber auf und aus den harmlosen Murmeln wurden schreckliche Krabbeldinger mit gefährlichen Klauen, gruseligen Fühlern, einem länglichen Körper, zwei mal sechs Beinen und einem Stachel am Hinterteil. Und sie krabbelten an Mischas Hand herum, schlüpften unter seinen Ärmel, fielen herunter als er panisch aufschrie, und suchten sich im hellen Abteil dunkle Verstecke. Der Professor und Emmi waren dem armen Mischa gar keine Hilfe, denn sie schüttelten sich vor Lachen und versuchten nur, die wertvollen Robotertierchen behutsam wieder aufzusammeln, bevor der angehende Bauer sie zertrat. „Hätte man die nicht netter aussehen lassen können?“ grummelte Mischa später. „Die sehen doch echt fies aus.“ „Das ist ein außerordentlich durchdachtes Design“, erklärte der Professor, nun ganz in seinem Element. „Die Elinge der sechsten Generation überleben bis zu fünf Jahre im Boden, im Winterschlafmodus bei bis zu 20 Grad minus. Sie identifizieren Pflanzen und Tiere bis auf Artgrenze, beseitigen Unkraut und kleine Schädlinge nach Anweisung, messen kontinuierlich Nährstoffgehalt und Bodenfeuchtigkeit. Sie können in manchen Ausführungen sogar Keimlinge vereinzeln und sich gegen Fressfeinde zur Wehr setzen.“ Als er Mischas skeptischen Blick bemerkte, fügte er hinzu: „Es gibt da aber auch ein niedliches Programm. Schau mal.“ Er nahm eines der Tierchen hoch. Der Eling hielt still und bewegte nur leicht die Fühler. Als er sich überzeugt hatte, in einer menschlichen Hand zu sitzen, begann er, einen leisen, gurrenden Ton sich zu geben und sich einzukringeln. Es schien fast, als wollte er es sich gemütlich machen. Der Professor streichelte ihn mit dem Finger und gleich drehte er sich auf den Rücken, so als wolle er am Bauch gekrault werden. „Oh, wie süß!“ quietschte Emmi und nahm auch einen auf die Hand. „Darf ich ihm eine eigene Firmware aufspielen? Damit er kommt, wenn ich ihn rufe?“ Mischa lachte noch etwas gequält und hoffte nur, dass nicht alle Farmmaschinen so ein durchdachtes Design hatten. Dabei hatte der Professor gerade anfangen wollen, von den Erntespinnen zu erzählen, von denen man auf jeden Fall einen Schwarm auf dem Hof haben sollte.
„Komm doch mit uns. Jemanden wie dich können wir gut gebrauchen“, sagte Mischa zu Emmi, und der Professor stimmte zu. Einer Subsistenz-Community beitreten, die Anbausoftware managen, ein lokales Netz dicht halten, einen Makerbot in Betrieb nehmen. All das würde ihnen allein schwer fallen. „Nur für den Anfang“, bat Mischa „Ich kaufe dir auch ein Pony, oder was kleine Mädchen eben so mögen. Sollten.“ Emmi lachte, überprüfte, ob es in Großposemuckel einen Breitbandzugang gab, und zwinkerte. „Wenn ich die Ladestation hacke, marschiert unsere nächste Fuhre Elinge gleich von selbst auf deinen Schoß.“
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