Finde ich toll, dass du das machst, wirklich.


“Du bist mein Medikament” sagt S. lachend, nachdem ich ihr deutsche Schimpfwörter beigebracht habe, die für ihre Vermieterin passen. Die Wohnheimsbetreiberin macht Ärger, stellt unrealistische Forderungen und droht mit Rauswurf. S. ist völlig mit dem Nerven fertig und der Arzt verschreibt ihr Schlaftabletten und Baldriantee.

Was hat das mit mir zu tun?

Seit einigen Monaten kümmere ich mich ehrenamtlich um S. und ihre drei kleinen Kinder, eine Flüchtlingsfamilie aus dem Irak. Der Kontakt kam über Xenion e.V. zustande, wo ich mich Dezember 2008 als interessierte Mentorin gemeldet hatte. Ich hatte Sprachkenntnisse angegeben: Englisch, Französisch, ein bißchen Russisch. Und ich mag Kinder. Drei Monate später rief Xenion an und sagte: Wir haben hier eine Familie, eine Frau mit drei kleinen Mädchen. Sie sprechen nur irakisches Kurdisch sonst nichts. Aber die Kinder sind süß!

Neugierig und ein wenig aufgeregt ging ich zum Kennenlernentreffen. S. war erst seit wenigen Wochen in Deutschland, im Erstaufnahmelager in Berlin, wo die Schlepper sie abgesetzt hatten. Beim Treffen konnte sie nur “Auswaus” (Ausweis), “Sozial” (Sozialstelle für Asybewerber) und “Motardstraße” (die Straße des Asybewerberheims) sagen. Eine Dolmetscherin war beim Treffen dabei, und bot auch an, später per Telefon zu übersetzen.

S. war nervös und schüchtern, aber wir waren uns sympathisch. Und die Kinder waren tatsächlich sehr süß: 2, 5 und 7 Jahre alt. Bei Xenion schrieben wir auf, was wir zusammen machen wollen: Uns einmal in der Woche treffen, Behördengänge und Briefe erledigen, Deutsch lernen und irgendwelche Freizeitsachen unternehmen.

Seitdem begleite ich sie bei ihrem “Abenteuer Deutschland” und erlebe die Höhen und Tiefen mit. Toll ist es, mitzuerleben, wie sie immer besser Deutsch spricht, und sich jetzt schon gut selbst verständigen kann. Wie die Kinder in Schule und Kindergarten gehen und mir Bilder und Gebasteltes schenken. Die Älteste hat mir ein Bild gemalt mit Deutschlandfahne und ganz vielen Herzen. Wenn das keine Integration ist! ;-) Schön ist, wie ich große Schwester sein kann, wenn ich ihr von Pille bis Steuern die Geheimnisse der deutschen Gesellschaft erkläre. Und wie sie mich bemuttert, wenn ich zu dünn angezogen bin und kein Proviant für die Wartezeit im Jobcenter dabei habe.
Frustrierend ist, wenn das Jobcenter monatelang nicht zahlt, Wohnungsbewerbungen immer wieder abgelehnt werden und die obengenannte Vermieterin wieder eine prima Idee hat. (Zum Beispiel, eine weitere vierköpfige Familie in die 3-Zimmer-Wohnung mit einzuquartieren.)

Wenn ich anderen Leuten davon erzähle (was ich immer gern tue), dann kommt meistens: “Finde ich toll, dass du das machst. Wirklich.” Viel lieber würde ich hören: “Oh, sowas will ich auch machen.” oder “Kann ich dir dabei helfen?”
Einige Freunde haben gebrauchte Kleidung geschenkt oder Möbel angeboten, das ist eine große Erleichterung für S. und sie freut sich sehr darüber.

Die nächste Etappe des Abenteuers ist das Finden und Einrichten einer eigenen Wohnung. Wenn die Mädchen ihre eigenen Betten haben, werde ich ihnen mit Organzastoff Himmel darüberbauen. Aber nicht verraten - es wird eine Überraschung. Ich freue mich schon darauf! :-)


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