Manchmal gelingt mir ein etwas anderer Blick auf die Welt als sonst.
Dann sehe ich deutlicher die Proportionen und Relationen zwischen den Dingen. Die Verwandtschaften und Gründe. Die Bewegungen und deren Spuren.
In der U-Bahn sitzend:
Die Innenmaße des U-Bahn-Wagens in Proportion zu den Menschen darin. Wie meine Perspektive eine Reihe von Stangen optisch gleichmäßig aneinandersetzt. Wie sich die Menschen im Wagen verteilen. Die Polster sind schon brüchig dort, wo man gern sitzt, in der Mitte am Fenster. Das alte Holzimitat an den Wänden gegründet in einer Erinnerung des Designers an luxuriöses Reisen. Die Kratzer in den Scheiben gegründet in Graffiti, in Kratzer in Baumrinden, in Höhlenmalerei, Inbesitznahme von etwas Dauerhaftem. Die Haltung und Blickrichtung der Menschen, wie sie ihre Umwelt nicht wahrnehmen, scheinbar allein sind, dicht nebeneinander. Wie ihre Kleidung gleich einem Schutzmantel sie voneinander abgrenzt, physisch und symbolisch. Am Marienplatz die Ströme von Menschen mit unterschiedlichen Zielen, sie verbinden, trennen und kreuzen sich. Vom Architekten geplant. Hat er auch an die Überholer gedacht, die es eilig haben, und zwischen den Lücken in den Menschenströmen umherflitzen?
Im Büro:
Die Gleichförmigkeit der dunklen Bürostühle, gedrängt zwischen den weißen Tischen. Die Menschen vor den Monitoren, jeder schaut in seine Welt. Der virtuelle Raum wird so viel größer als der tatsächliche. Virtuell sitzen diese Leute nicht so dicht beieinander, wie in der Realität.
Die beiden großen Fensterflächen an den einander gegenüberstehen Wänden reflektieren im Dämmerlicht die Deckenlampen, so dass ein undendliches Raster entstehen könnte, doch es reicht nicht weit hinaus.
Die unverkleideten Rohre der Klimaanlage greifen verzweigt in den Raum, enden über den einzelnen Tischen. Die Deckenlampen auch, aber da sieht man die Kabel nicht, die die Elektrizität verteilen. Wie bei einer Pflanze, wo im Blatt verzweigte Kanäle Wasser und Nährstoffe zu den Zellen transportieren.
Die weißen Tische sollten wohl einmal Klarheit und Aufgeräumtheit darstellen. Jetzt gleichen sie eher weißen Blättern, die schon voll sind mit Notizen und Kritzeleien – voll mit Kram, Erinnerungen, Dingen, Ideen.
Mir gefällt die Vorstellung, dass Architekten und Designer eher einen solchen Blick auf die Welt haben. Mehr Formen und Zusammenhänge sehen, weniger Bedeutung und subjektive Geschichte.
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Ralph
Deine Gedanken sind sehr interessant. Deine Sichtweise ist hier auf den eigentlichen Sinn von “etwas” aus dem Blickwinkel der Entwerfer gerichtet. Ich betrachte dies hin & wieder gern selbst, aber viel interessanter sind die Menschen, die das “etwas” mit Leben füllen und den eigentlichen Entwurf nicht nur lebendig werden sollen, sondern auch weiterentwickeln. Mir ist bewusst, dass sich ein Entwerfer über die Menschen Gedanken macht, aber letztendlich kann er nicht genau vorher sehen, wie sich sein “etwas” entwickelt.
Ralph
February 19th, 2009
Reply to “Blickwinkel”