October 30th, 2004
Ein bunt gehaufelter Würfen
Seit Mai gehöre ich zum Kreis der “futur-Akteure”, die als Repräsentanten der deutschen Bevölkerung auf die Forschungsförderung Einfluss nehmen können. Dies geschieht im Rahmen des futur-Prozesses, initiiert vom BMBF.
Am vergangenen Dienstag und Mittwoch wurde es nun auch für mich “ernst”. Nach vorangegangenen Online-Umfragen trafen sich die futur-Akteure in Potsdam, um aus ausgewählten Themenvorschlägen umfassendere Leitvisionen und konkrete Forschungsfragen zu entwickeln.
Von den 10 zu diskutierenden Themen hatte ich mir “Komplexitätsmanagement” ausgesucht. Meine Vorgeschichte dazu: Einerseits habe ich schon einiges über Komplexität in Organisationen gehört, andererseits im letzten Semester psychotherapeutische Ansätze auf Komplexitätsreduktion untersucht (siehe Strategies for reducing perceived complexity). Nun wollte ich wissen, wo das Thema außerdem auftaucht, und welche Lösungsansätze es gibt.
Auf der Bahnfahrt nach Potsdam entstand folgende MindMap, in der ich meine bisherigen Assoziationen ordnete:
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Nach dem obligatorischen Empfang von Namensschild, Mappe, Kugelschreiber, Begrüßungsworten, Begrüßungsessen, Aufwärmrunde gab es endlich Gelegenheit, die anderen Workshopteilnehmer kennenzulernen. In einer Gruppe von etwa 30 Leuten waren folgende Hintergründe vertreten: Stadtplanung, Verkehrsplanung, Unternehmensberatung, Waschmittelindustrie, Wirtschaftsinformatik, Sozialforschung, Holztechnik, Maschinenbau, Daten-Visualisierung, Simulation von Betrieben, Agenten-Gesellschaften im Internet, Ernährungsforschung, Ökologie, Psychologie. Vielleicht habe ich auch noch jemanden vergessen.
Ein bunt gewürfelter Haufen. Große Erwartungen. :-)
Leider war die Moderation am ersten Tag nur mäßig und die Diskussion in der Großgruppe für meinen Geschmack zu zäh. Die Gespräche zwischendurch waren dafür umso interessanter und am zweiten Tag war auch das Arbeitsformat (in Kleingruppen) angenehmer. Aber das ist organisatorischer Kram, wer will das schon wissen? Eigentlich wollte ich hier etwas darüber schreiben, was ich Neues über Komplexität gelernt habe, bzw. warum man sich darüber unterhalten sollte.
Zum Beispiel, ob oder warum es überhaupt ein Problem gibt.
Zu Veranschaulichung des nachfolgend Geschriebenen betrachte man folgende MindMap (heute gemalt):
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Eine grundlegende Unterscheidung ist die in “echte” und “wahrgenommene” Komplexität.
“Echt” bezieht sich auf eine Definition à la “Ein komplexes System besteht aus mehreren, in wechselseitiger Abhängigkeit stehenden Elemente. Merkmale sind Eigendynamik, Intransparenz, Emergenz …” Komplexe Systeme sind beispielsweise der Mensch, ein Ökosystem, eine Stadt, eine einzelne Zelle, ein Markt, eine Firma usw.
Für ein System, das innerhalb einer komplexen, sich verändernden Umwelt existiert, ist Komplexität Ergebnis und Mittel von Anpassung und Überleben. Um ein robustes System herzustellen, das auf Veränderungen seiner Umwelt flexibel reagieren kann, sollte man also keine Angst vor erhöhter Komplexität haben.
Für ein Forschungsprojekt kann die Erhöhung der Komplexität in Interdisziplinarität bestehen, sie kann die Anzahl der Erklärungsmöglichkeiten für eine Beobachtung erhöhen. Für eine Prognose eines Marktverhaltens kann Erhöhung von Komplexität die Erhöhung der miteinbezogenen Faktoren bedeuten. Und so weiter.
Eine denkbare Forschungsproblematik in diesem Bereich wären Regeln zur Gestaltung anpassungsfähiger Organisationen und Maschinen.
Eine Erhöhung der Komplexität eines Systems ist aber nur dort sinnvoll, wo eine Erweiterung der Denk- und Handlungsmöglichkeiten nicht zu einer Überforderung und Lähmung führt. Womit wir bei der “wahrgenommenen Komplexität” wären.
Einige Leute haben den Eindruck, dass die Probleme, mit denen sie zu tun haben, immer komplexer werden. Dies mag einerseits daran liegen, dass dies tatsächlich so ist (beispielsweise kann man eine stärkere gegenseitige Abhängigkeit wirtschaftlicher Entscheidungen durch die Globalisierung annehmen). Andererseits liegt die Wahrnehmung zunehmender Komplexität meines Erachtens auch an dem durch Forschungsergebnisse differenzierterem Wissen über existierende Zusammenhänge, und weiterhin an durch Kommunikationstechnologien vereinfachtem Zugang zu Informationen über verknüpfte Systemelemente.
Wie dem auch sei, die Folge ist ein Gefühl der Ohnmacht oder der Überforderung angesichts der Unvorhersehbarkeit von Konsequenzen der eigenen Entscheidungen. Man hört den Ruf nach weniger Komplexität (im günstigen Fall) oder beobachtet wie Dörner Kompensationsstrategien, die auf verengte Wahrnehmung oder verengten Handlungsspielraum hinauslaufen.
Die Forschungsproblematik wäre hier, auf welche Weise unter Bedingungen eines komplexen Problemfeldes noch gute Entscheidungen getroffen werden können. Da in vielen verschiedenen Fachrichtungen ähnliche Fragen auftauchen, besteht eine starke Hoffnung auf generalisierbare Lösungen.
Was es schon gibt sind “Decision Support Systems” (mit denen kenne ich mich aber nicht aus) und Methoden zur Visualisierung großer Datenmengen, besonders auch deren Zeitcharakteristik.
(Es wurde noch viel mehr gesagt und gedacht. Dies war meine subjektive Auswahl.)
Dass das Thema Komplexitätsmanagement als Forschungsschwerpunkt der deutschen Forschungsförderung aufgenommen werden wird, muss ich leider bezweifeln. Aber man weiss ja nie… Vermutlich wird es zu abstrakt sein, oder zumindest so erscheinen.
Als Querschnittsthema könnte es allerdings eine Art “Servicefunktion” für andere Forschungsrichtungen leisten, deren Vertreter bei informellen, workshopübergreifenden Gesprächen am Buffet immer wieder von Anknüpfungspunkten aus ihren Themen berichteten.
Und ich? Ich habe jetzt eine Komplexitätsbrille auf, mit der ich überall sehe, wie nichtlineare Prozesse mit linearem Denken gesteuert werden sollen. Und wie alltäglich Komplexitätsreduktion ist. Zum Beispiel in Aberglaube, Bauernregeln, Alltagspsychologie usw.
(PS: Vielen Dank an Herrn Aeffner für den schönen Versprecher, den ich mir als Überschrift zu verwenden erlaubt habe.)