Ich bin in Berlin geboren, in Mitte, zwischen Friedrichstadtpalast und Berliner Ensemble. Bis 1989 hat meine Familie in Berlin gelebt, dann sind wie weggezogen nach Sachsen, da war ich 8 Jahre alt.
Jetzt wohne ich wieder in Berlin Mitte, ein bißchen weiter nördlich als früher, aber nicht viel. Manchmal besuche ich die Straße, wo wir gewohnt haben. Es ist seltsam, weil sich so viel geändert hat, aber ich so viele Erinnerungen mit dem Ort verbinde.
Als würden sich zwei Bilder überlagern, ein Erinnerungsbild und das heutige vor meinen Augen. Manchmal passen sie gar nicht zusammen, manchmal finde ich noch Konturen, die übereinstimmen, manches ist geblieben.
Ein Bürohaus steht da, wo früher ein Stück verwilderter Park war. Wir Kinder sind dort im dichten Unterholz herumgestromert, man hat uns erzählt, es wäre ein Pfirsichbaum irgendwo darin. Ich habe mir immer vorgestellt, ihn zu entdecken, im Sonnenlicht mit reifen Pfirsichen daran. Das Bürohaus hat große Fensterfronten und ist hell erleuchtet. Dort, wo ich mir den Pfirsichbaum vorgestellt habe, steht ein Schreibtisch und ein Stuhl. Jemand geht dort jeden Tag zur Arbeit und weiß nichts von dieser Geschichte.
Das Brecht-Denkmal steht immer noch. Sitzt. Bert Brecht aus Eisen sitzt auf einem eisernen Stuhl und schaut gutmütig. Er ist ein bißchen kleiner geworden, aber das liegt nur an meiner Perspektive. Das Denkmal ist übrigens hohl, als Kinder sind wir von unten hineingeklettert. Meine Mutter erzählt, wenn Touristen kamen, haben wir gerufen: Huh, ich bin der Geist von Bertolt Brecht, gebt mir Süßigkeiten! Dann haben die Touristen gesagt Ach, wie niedlich! Und uns dem Herrn Brecht auf den Schoß gesetzt und abfotografiert. Bestimmt haben sie uns dann auch Süßigkeiten gegeben. Als ich wieder dort war, habe ich mich aber nicht getraut, drunter zu gucken, ob er immer noch hohl ist.
Das Haus, in dem wir gewohnt haben, gibt es immer noch. Es ist jetzt aber neu renoviert und sehr schick. Die Souterrainwohnungen mit den kleinen Türen, waren früher von armen Leuten bewohnt. Die Türen waren dünn und klapprig, mit abblätterndem Lack. ich glaube, eine alte Frau hat da gewohnt, immer mit Kittelschürze an. Jetzt ist dort ein Büro, nur die Türen sind noch genauso klein. Statt kaputter Steinfließen liegt im Hausflur jetzt Teppich. Es sind auch noch Wohnungen im Haus, ich würde mir gern mal eine ansehen.
Der Hinterhof ist dagegen ganz verschwunden. Früher war er das Reich von uns Kindern. Wir hatten Bäume, Holunder, Unkrautbeete, Wiese, einen Sandkasten. Und eine Mauer mit Löchern, sie war so aus Betonteilen aufgebaut, dass man als Kind hindurchschlüpfen konnte, als Erwachsener aber nicht. Perfekt zum Entkommen. Die Mauer mit den Löchern führte zu einem Gebüsch und dann auf einen Weg. Jetzt ist der Hinterhof ganz leblos mit ordentlichen Grünanlagen, neugepflanzten Bäumen, Sitzbänken und einer Durchfahrt zur Straße. Wo die Mauer war, steht jetzt ein neues Haus. Es gibt nichts, was ich wiedererkenne.
Die Straße vor dem Haus ist noch alt. Die Risse und Löcher, die früher unsere Seen waren nach dem Regen. Die Auffahrt zum Baustofflager aus grobem Beton. Die Abstände zwischen den Gewegplatten. Dinge, die man als Kind auswendig lernt, weil man sie jeden Tag sieht. Ich freue mich, dass sie noch da sind.
Dort, wo die Straße eine Kurve macht, sind die Häuser ein bißchen zurückgesetzt. Davor steht ein großer Kastanienbaum. In dem Haus hat eine Katzenoma gewohnt, und wir waren gerne dort und haben versucht, die scheuen Katzen zu streicheln. Einmal haben wir einen Kastanie gefunden, die ausgetrieben hat, und haben sie zuhause eingepflanzt. Das Haus ist jetzt auch sehr neu und schick und die Katzenoma könnte es sich bestimmt nicht mehr leisten, dort zu wohnen. Katzen sehe ich dort zumindest keine mehr.
Der Kastanienbaum steht immer noch. Groß und schön. Was sind schon zwanzig Jahre, sagt er.