Am Donnerstag abend durfte ich in München ein Stück Berliner Kultur erleben. Ein lieber Freund mit gutem Geschmack hatte mich auf die Gästeliste dieser "Lesung mit Sitzdisko" gesetzt, als Geburtstagsgeschenk. Und so stapfte ich dann durch die winterliche Kälte zu einem abgelegenen Winkel der Stadt. Alicja, die schon eher da war, hatte herausgefunden, dass man eine kleine, dunkle Treppe hinter der Bushaltestelle heruntergehen muss, dort unten klopften wir an eine dräuende Stahltür.
Zunächst vergeblich, dann stärker und mit Erfolg. Mit den Worten "Ihr seid aber früh, es geht noch gar nicht los." wollte uns der Einlasser erstmal noch draussen stehen lassen, was wir aber glücklicherweise zu verhindern wussten. Wir dachten, es ginge um 20:00 los, das stand so im Internet. Auf Nachfrage unsererseits begannen einige junge Leute zu diskutieren, ob man schon um 22:00 anfangen sollte, oder lieber später. Hm. Wir waren also im
Sunny Red (in der Nähe vom Heimeranplatz) und warteten auf eine Lesung (oder etwas ähnliches) eines im Internet nicht erwähnten Künstlers. Das Ambiente erinnerte an einen linken Jugendklub: Graffiti, billige Möbel, lieblose Beleuchtung, Militärrucksäcke. An der Bar gab es eine reizende Bedienung, übriggebliebene Brötchen und eine Auswahl von 10 erschwinglichen Getränken. Nach und nach tröpfelten etwa 20 Leute ein und irgendwann ging es auch los.
Und dann war man drin. In den Geschichten. In der Stimmung, die der junge, blonde Mann hinter der kippligen Leselampe ganz einfach erzeugte. Mit einfachen Worten, Berliner Schnauze und unbeholfenen Zwischenkommentaren führt er von einem Schritt zum nächsten, und ehe man es sich versieht, ist man in seiner Welt gelandet. Dann kommt aber erstmal Musik, damit man pullern gehen kann, oder an die Bar. Und die Musik ist natürlich auch sehr gut und gut gewählt. Dann mal wieder eine Geschichte oder einen Film und wieder ein Gedicht und Musik. Es gibt ein Loblied auf den Winter, Betrachtungen des Faultiers in den Fängen eines Adlers, ein eintöniges Urlaubsvideo zum Mitfiebern, die Geschichte von Anaconda-Jule, die Erlebnisse einer Garderobiére in der Kulturbrauerei am ersten Weihnachtsfeiertag, Gedichte über Sven, der vielleicht existiert, vielleicht aber auch nicht. Ein ganz
tolles Video von einem Berliner Filmstudenten:
Und noch mehr.
Als die Lesung zuende war, bemerkte ich, dass ich ganz vergessen hatte, ein Foto zu machen, obwohl ich ja extra die Kamera mitgenommen hatte. Hier also ein Foto vom Künstler nach der Arbeit:
Danach sollte es wohl auch noch Livemusik von anderen Leuten geben, aber da sind wir schon heimgegangen. Man muss ja arbeiten, am anderen Tag. Ich habe dann nach der Lesung und bevor der Bus kam, den Künstler gefragt: Er heißt Martin Gottschild und hat noch kein Buch geschrieben. Aber den Film könnte ich kaufen. Ok.
Ich glaube, er war enttäuscht von dem kleinen Publikum. Alicja meinte zwischendurch, er wollte uns ein schlechtes Gewissen machen, weil alle anderen nicht gekommen sind. Fand ich aber nicht so. Ich fand, er hätte dem Publikum mal leichter Gelegenheit geben können, zu klatschen. Dafür hatte er nämlich meist gar keine würdevollen Pausen gelassen.
Alles in allem mehr ein wundervolles Gesamtkunstwerk als nur eine Lesung. Sehenswert und hörenswert! Nur die Location und das Wetter waren leider nicht so gut gewählt.
wow!!! du hast den film im netz gefunden!! den fand ich wunderbar.
schade, dass nicht mehr zuhörer lauschen wollten. aber das ganze lebt ja auch von "mund-zu-mund-propaganda".. und ist beim nächsten mal hoffentlich besser besucht.
und: schön beschrieben hastes!
hm... zu früh gefreut ...
Nee, den Film gibts leider nicht im Netz, aber ich würde ihn dir ganz heimlich brennen, das darf man dann nur nicht so öffentlich sagen. Ups.
schade, dass nicht mehr zuhörer lauschen wollten. aber das ganze lebt ja auch von "mund-zu-mund-propaganda".. und ist beim nächsten mal hoffentlich besser besucht.
und: schön beschrieben hastes!