sharp observations, wild guesses et cetera

Materialismus und Buddhismus... Religionen für die Konsumgesellschaft?

Ein nicht unwesentlicher Teil unserer Gesellschaft lebt heute ähnlich luxuriös wie Siddharta Gautama in seiner Jugend. Alle Grundbedürfnisse sind befriedigt, weit entfernt sind Gedanken an Tod, Alter und Elend. Die sinnlichen Genüsse bestimmen den Rhythmus des Lebens. (Siehe auchWikipedia: Konsumgesellschaft) Ein Unterschied ist noch, dass der künftige Buddha ein reicher Erbe war und nicht arbeiten musste, während für die meisten von uns ständige Arbeitsleistung (und die Steigerung derselben) als Voraussetzung für materielle Bedürfnisbefriedigung gilt.

Der Sinn des Lebens scheint im Materialismus leicht auszumachen: Schau hier dein Mazda, das kann doch kein Ziel deines Lebens darstellen - dort vorne der Porsche doch viel eher, lauf nur ein Stückchen weiter, bis du dein Ziel erreicht hast (um dann dem nächsten hinterherzulaufen).

Es besteht aber wohl die Gefahr, dass der Konsument das Spiel durchschaut und sich mit einem Gebrauchtwagen zufrieden geben möchte. (Eine "Gefahr" stellt er für die auf Wachstum beruhende Ökonomie im Sinne Batailles dar.)

Materialismus sagt: Mach nur weiter, kannst du denn schon so stilvoll shoppen gehen wie Paris Hilton? Bist du schon mal zum sexiest man alive gewählt worden? Das Himmelreich besteht aus Genuss, Sex und Anerkennung - und Geld natürlich. Solange es etwas gibt, was du noch nicht besitzst, brauchst du dich nicht darüber zu beklagen, dass dein Leben keinen Sinn / kein Ziel hätte.

Auch Siddharta kannte wohl die Gier nach immer mehr und höheren Genüssen und wandte sich dann (nachdem er deren Vergänglichkeit und Sinnlosigkeit erkannt hatte) dagegen. Predigte das stille "Ankommen" an einem Ort irgendwo in der Mitte zwischen Askese und Völlerei.

Buddhismus sagt: Löse dich deinen Bindungen zum irdischen Besitz und vor allem von der Gier nach mehr davon. Es geht auch ohne Mazda und ohne Porsche. Finde ein Mittelmaß, in dem du dich wohlfühlst. Komme an. Halte auch an dem gefundenen Mittelmaß nicht fest, sondern akzeptiere was die Welt dir schenkt oder nimmt. Ach ja, und wenn dir das zu langweilig ist, dann trainiere in der Meditation deinen Geist bis er klar ist wie ein Diamant - und du dich fortan ruhig deinem mittleren Dasein hingeben kannst.
(Es gibt natürlich auch ab und an westliche Leute, die sich Erleuchtung ermeditieren wollen, um danach Wunder zu wirken und Anerkennung zu bekommen oder so. Das war vermutlich nicht Sinn der Sache.)

Beide "Religionen" sind imho hedonistisch geprägt. Da wird nicht großartig selbstverstümmelt, gehungert und gelitten - zumindest wird das nicht als erstrebenswert dargestellt. Man genießt die Shoppingtour, die Oscarverleihung, die neuen Sextipps aus dem Magazin, die neidischen Blicke der anderen usw. Oder, im anderen Fall, genießt man was man schon hat, eine Schüssel Reis, Wellengekräusel auf dem Fluss, Endorphine aus dem eigenen Hirn, eine rote Blume usw.

PS: Ich bin keine Expertin für Buddhismus. Die obigen Aussagen desselben entprechen meiner persönlichen Auslegung dieser Religion, so wie sie sich mir als Mitglied der westlichen Konsumgesellschaft präsentiert.

PPS: Natürlich gibt es auch Zwischenformen. Wie Stefan Weiß zum Thema sagte: "Der Weg ist das Ziel." Oder wie ich sagen würde: "Der Weg ist das Spiel."

PPPS: Die "Aufhebung der Ökonomie" von Bataille klingt sehr interessant und hat vermutlich sehr viel mit diesem Thema zu tun. Habe mir das Buch eben bestellt und werde darüber berichten...

posted at 13:37:21 on 01/15/06 2006 by magdalena - Category: obervations
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Comments

Friedie wrote:

Wenn man mal den "Sinn des Lebens" mal von jeseitigen Zielen befreit und nur auf dieses Leben bezieht, so kann man vielleicht sagen, dass jeder Mensch danach strebt, glücklich zu sein. Glücklichsein definiere ich jetzt mal als einen Zustand, in dem einem (gefühlt) nichts fehlt. Materialisten wollen ja nicht Geld und Reichtümer zum Selbstzweck anhäufen, sondern, weil sie denken, dass sie dann all die schönen Dinge kaufen können, die ihnen aktuell fehlen. Asketen und Buddhisten versuchen andersherum nicht, ihre Wünsche zu erfüllen, sondern diese so weit einzuschränken, dass sie mit dem, was sie haben (bzw. mit so wenig wie möglich), keinen Mangel empfinden. Da das in unserer Gesellschaft nicht so Mode ist, zurück zu den Materialisten. Wenn wir also annehmen, dass ihr Sinn des Lebens daran besteht, unbegrenzt reich zu werden, was ist, wenn das Ziel erreicht ist?

Dazu fällt mir eine Geschichte ein, der man in verschiedenem Wortlaut immer mal wieder begegnet:
''Elvis Presley, at the beginning of his career was asked by a reporter, “What is your ambition?” His reply was that he had three ambitions. He wanted to be rich, famous and happy. Then, about six months before Elvis died, the same reporter talked to him again and asked, “OK Elvis, at the beginning of your career you said you had three ambitions: to be rich, famous and happy. Can I ask you now, are you rich enough?” “Of course I am rich”, said Elvis, “I can walk into any store anywhere in the world and buy whatever I want.” “OK, your rich. Are you famous enough?” “Of course I’m famous. Hey man, I’m the King. They even know me behind the iron curtain.” “Right. So you’re rich and you’re famous. You have everything people say they you could possibly need, but are you happy?” “No”, he replied, “I’m not happy. I’m as lonely as hell!” ''
Ungeachtet dessen, wie viel von der Geschichte wahr ist (ich finde keine zuverlässige Quelle), so scheint sie doch zumindest nicht unwahrscheinlich zu sein, jedenfalls hat Elvis zuletzt Unmengen von Antidepressiva geschluckt.
Wie er gibt es einen Haufen superreicher Leute, die noch dazu erfolgreich, anerkannt und sexiest man/woman alive sind, die augenscheinlich nicht glücklich sind, sonst hätten sie keine Depressionen (Robbie Williams, Mel C,...), bzw. würden sie nicht betäuben müssen, mit Alkohol (Elton John), Tabletten (Marilyn Monroe), Koks (Whitney Houston, Kate Moss), oder was auch immer... offenbar sind diese vermeintlichen Glücklichmacher (Geld, Anerkennung, Schönheit), denen Lieschen Müller nachrennt nicht das Ende der Weisheit. So sieht man viele auf dem Höhepunkt ihres Reichtums und Ruhmes suchen, nach Alternativen für einen Sinn im Leben, manchmal charity (Angelina Jolie, Prinzessin Diana, ...), oft auch Religion (Madonna, Mel Gibson, Mary J Blige, Lauryn Hill, Richard Gere,...).
Materialismus ist also meiner Meinung nach kein guter Weg, weil an seinem Ende offensichtlich ein großes schwarzes Loch droht. Näher dran scheint mir schon die andere Taktik zu sein, danach zu streben, die eigenen Bedürfnisse zu kontrollieren. In der Extremform, Askese, steht aber doch am Ende auch ein Loch, zwar ein "weißes", weil man es nicht als Mangel empfindet, aber es erscheint mir paradox, einen Sinn im Leben in dieser Welt darin zu finden, sich dem Leben in dieser Welt zu entziehen, soweit möglich.

...
(Fortsetzung unten)
02/12/06 2006 17:27:42

Friedie wrote:

...
Ich persönlich denke auch, dass mal wieder das sprichwörtliche goldenene Mittelmaß, von dem Du, Lena, auch schreibst, das vernünftigste ist. Weder ''nur'' den Gütern dieser Welt nachrennen (festhalten kann man sie letztendlich sowieso nicht), noch ''nur'' vor ihnen davonlaufen.

Für mich ist das allerdings keine Haltung, die entsteht, wenn man sich den Buddhismus nach eigenem Gutdünken ein bisschen zurechtstutzt. Falls man so etwas überhaupt einer Religion zuordnen kann... denn der Kern von Religionen richtet sich ja eigentlich nie auf das Leben in dieser Welt, sondern eher auf jenseitiges.%%%

Ich als Christ suche natürlich trotzdem erstmal in der Bibel nach Antworten, und es gibt da das ganz wunderbare Buch Prediger, in dem der Autor seine Gedanken über den Sinn des Lebens niedergeschrieben hat. (Es gehört zu den Spätschriften (= Apokryphen) und ist deshalb nicht in jeder Bibel zu finden.)%%%
Und er schreibt, wenn ich seine Ausführungen jetzt mal in einem Satz zusammenfassen darf, darüber, dass er alles mögliche ausprobiert hat: zuerst hat er nach Weisheit gestrebt, dann nach weltlichen Gütern, hat Häuser gebaut und Gärten und Feste gefeiert usw (er war auch reich...), aber jedesmal hat er am Ende festgestellt, dass das alles "Haschen nach Wind" und "Nichtigkeit" ist.
Und - jetzt wird es interessant - seine Quintessenz (neben vielen allgemeinen Feststellungen und einzelnen Tipps) ist die Folgende:

''"Siehe, was ich als gut, was ich als schön ersehen habe: Dass einer isst und trinkt und Gutes sieht bei all seiner Mühe, mit der er sich abmüht unter der Sonne, die Zahl seiner Lebenstage, die Gott ihm gegeben hat; denn das ist sein Teil." (Prediger 7, 17) "Und lebe nach dem, was dein Herz wünscht und wonach deine Augen ausschauen! Doch wisse, dass um all dieser [Dinge] willen Gott dich zur Rechenschaft ziehen wird! Entferne den Unmut aus deinem Herzen und halte Übel von deinem Leib fern!" (Prediger 11, 9 f.)''%%%

Da gibt es für mich gar nichts hinzuzufügen, bis auf eines, nebenbei; Elvis Presley hat in der Geschichte von Anfang als Gegenteil von Glücklichsein Einsamkeit angegeben, und ich glaube auch, dass der Mensch als Gemeinschaftswesen geschaffen ist. Der Prediger schreibt (für alle workaholics, die sich täglich bis mindestens 23 Uhr im Büro mühen...):%%%

''"Da ist einer [allein] und kein zweiter [bei ihm], auch hat er weder Sohn noch Bruder, und für all sein Mühen gibt es kein Ende, auch werden seine Augen am Reichtum nicht satt. Für wen mühe ich mich also und lasse meine Seele Gutes entbehren? Auch das ist Nichtigkeit und ein übles Geschäft. Zwei sind besser daran als ein einzelner, weil sie einen guten Lohn für ihre Mühe haben. Denn wenn sie fallen, so richtet der eine seinen Gefährten auf. Wehe aber dem einzelnen, der fällt, ohne dass ein zweiter da ist, ihn aufzurichten!" (Pred. 4, 8-10)''

(Danke dass Du da bist und viele liebe Grüße!)

Friedie
02/12/06 2006 17:30:47

magdalena wrote:

Liebe Friedie, danke für deinen langen Kommentar und deine lange Mail. Jetzt bin ich es, die gerade nicht dazu kommt, richtig zu antworten. Aber ich habe ja auch noch ein paar Tage gut. ;)
02/23/06 2006 23:57:16

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