sharp observations, wild guesses et cetera
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Es passiert etwas
Keine Stunde dauert es mehr, dann ist es Mitternacht. Und schon seit Tagen bebt Görlitz im Rhythmus des JUMP-City Festivals, wo ein Radiosender die Musik, die er sonst auch sendet, selbst abspielt. Ganz laut. Den ganzen Tag schon liegt eine Spannung in der Luft. In den Straßen laufen heute mehr Leute herum als sonst. Sie wissen nur nicht recht, wohin. Man sieht auch teurere Autos mit weiter entfernten Nummernschildern als sonst. Die Sonne schien ungewöhnlich heiß und der Wind wehte ungewöhnlich stark heute. Viel Polizei fährt Streife. Hubschrauber fliegen. Selbst wenn man nicht wüßte, dass heute etwas passiert, man würde es spüren.
Es passiert etwas. Jeder weiß es und jeder weiß auch, was passiert und wann und wo. Um Mitternacht an der Grenze: die EU wird größer. Aber was wird passieren? Und wann? Und wo?
Wir machen uns auf, gehen hinaus und schließen uns den Menschen an, die alle nur noch eine Richtung kennen: zur Brücke. Wenn etwas passiert, dann dort. Oder? Man will ja dabeigewesen sein. Was soll eigentlich passieren? Wenigstens ein Feuerwerk. Wir nehmen unsere Ausweise mit.
Ein kleiner Umweg bringt uns zur neuen, kleinen Brücke, sie ist noch nicht fertig, aber mit Lichterketten geschmückt.
Findige Leute haben hier Bier- und Würstchenstände aufgebaut. Teilweise offensichtlich ungenehmigt. Man kommt schon fast nicht mehr vorwärts zwischen den Menschen. Alles junge Menschen.
Weiter zum Grenzübergang, auf dem Weg treffen wir einen Kommilitonen. Es soll auf dem Campus eine Aufführung der Carmina Burana geben, 0:15 Uhr. Niemand weiß, ob es Eintritt kosten wird oder wieviel. Mal sehn.
Die Brücke ist mit Bäumen und bunten Lichterketten geschmückt. Jemand hat sich darüber lustig gemacht, dass es dieselben Lichterketten seien, die im Osten überall an den Brücken hingen, wenn Völkerfreundschaft gefeiert wurde. Aber ich glaube, es sind andere. Im Osten hatten sie nur 4 Farben, die hier haben mehr.
Viele Menschen stehen oben auf der Brücke und schauen hinunter. Viele Menschen stehen unten und schauen über den Fluss. Hinüber zu den Menschen, die auf der anderen Seite stehen und über den Fluss schauen.
Wir gehen hoch zur Grenzstation und siehe da: keine Kontrollen. Wir gehen an den geschlossenen Blechhäuschen vorbei, mit all den andern, und wundern uns. Vielleicht wird man ja beim Rückweg noch kontrolliert?
Nicht wenige springen über einen niedrigen Zaun, um schneller auf der Brücke zu sein. Die Grenze ist ja sowieso offen. Einer jedoch, der dies zu nah an einer Gruppe Polizisten getan hatte, wird von denen rangewunken und sie reden auf ihn ein.
Es geht auf Mitternacht, wir sind auf der Brücke und das Gedränge ist groß. Ich beobachte die Menschen, ihre Gesichter. Kategorisiere unwillkürlich in polnisch und deutsch. Viele telefonieren. Jeder strömt mit irgendwelchen andern irgendwo hin, in der Hoffnung, im richtigen Moment dort zu sein, wo etwas passiert. Was genau soll passieren? Egal, jeder filmt und fotografiert. Alle halten ihre Kameras hoch und zielen dorthin, wo alle anderen Kameras hinzielen, vielleicht passiert dort etwas? Man sieht ja nichts. Auch Fernsehkameras sind dabei. Vielleicht die beiden Bürgermeister? Vielleicht auch nur die Blaskapelle, die sich vom polnischen Ende der Brücke bis zum deutschen durchkämpft und dabei wacker den Takt hält.
...Dri...
...Zwei...
...Jeden!
Sekt spritzt, nassgespritzte Leute kreischen auf, und lachen. Einen Moment lang werden die Kategorien unwichtig. Es wird angestoßen mit Bier- und Sektflaschen. Jemand, wischt sich mit seiner Europa-Flagge den Sekt aus Gesicht und Haaren. Natürlich wird er gefilmt.
Jemand stimmt "Freude, schöner Götterfunken" an, aber seine Freunde und auch sonst niemand singt mit und so gibt er es wieder auf.
Wir wollen auf die andere Seite und drängeln uns durch bis sich die Menge lichtet. Hier, etwas am Rand, stehen alte Menschen, die wenigsten von ihnen sind so heiter wie die Jugend in der Mitte der Brücke. Ein Betrunkener deklariert etwas auf polnisch. Andere stehen nur da und schauen. Ein Mädchen hat sich bessere Sicht verschafft:
Wir gehen ganz hinüber, schauen uns um und es sieht noch genauso aus, wie vorher. Es hängen aber Flaggen von Europa, Deutschland und Polen. Viel mehr ist nicht zu sehen und so gehen wir wieder zurück. Auch hier gibt es keine der sonst üblichen Kontrollen.
Es gibt kein Feuerwerk, keine Musik, kein allgemeines Jubeln. Alles was passiert ist, dass alle hier sind, in dem Moment, wo etwas passiert, das zu groß und zu unsichtbar ist, als dass man es filmen könnte.
Als wir zur deutschen Seite zurückgehen, fällt mir auf, dass das, was man als erstes von Deutschland sieht, eine Menge Polizisten und Polizeiautos ist. Ich schäme mich ein bißchen dafür. Oh Gott, die Polen kommen und wir dürfen sie nicht aufhalten. Lasst uns ihnen wenigstens zeigen, was Sache ist...
Und dann gibt es noch die Carmina Burana als Ballett mit Musik vom Band und der Eintritt ist frei. Auf dem Heimweg höre ich jemanden sagen: Na immerhin jetzt habe ich auch mal die Carmina Burana gesehen. Es klingt wie sein Resümee dieser Nacht.
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Comments
"Es gibt kein Feuerwerk, keine Musik, kein allgemeines Jubeln. Alles was passiert ist, dass alle hier sind, in dem Moment, wo etwas passiert, das zu groß und zu unsichtbar ist, als dass man es filmen könnte."
Und gerade das fand ich an diesem Abend ziemlich ernüchternd. Ich hätte mir gewünscht, dass gerade diese beiden Städte etwas mehr auf die Beine stellen. Hat sich überhaupt lokale Prominenz blicken lassen?
Schade. Meiner Meinung nach hat es die Stadt versäumt, ihren Bürgern zu zeigen, dass man sich freuen darf (auch in Görlitz).
Ich glaube, die Bürgermeister von Zgorzelec und Görlitz waren da und haben feierlich Sekt getrunken. Irgendwo zwischen den Menschenmassen auf der Brücke und umringt von Kameras. Also nicht so richtig öffentlich. ;)
Ja, schade. In Zittau/am Dreiländerpunkt war richtig was los. Vermutlich sind die lokalen Görlitzer Größen alle dorthin, zu den nationalen Größen gefahren. Da brauchte niemand eine extra Feier...
"Als wir zur deutschen Seite zurückgehen, fällt mir auf, dass das, was man als erstes von Deutschland sieht, eine Menge Polizisten und Polizeiautos ist. Ich schäme mich ein bißchen dafür. Oh Gott, die Polen kommen und wir dürfen sie nicht aufhalten. Lasst uns ihnen wenigstens zeigen, was Sache ist..."
Bei aller Scham sollte vielleicht nicht vergessen werden, dass die Polizisten noch immer an der Außengrenzen zum "Schengenland", dem Polen ja noch nicht beigetreten ist, stationiert sind. Noch sind die Grenzen nicht offen.
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Und gerade das fand ich an diesem Abend ziemlich ernüchternd. Ich hätte mir gewünscht, dass gerade diese beiden Städte etwas mehr auf die Beine stellen. Hat sich überhaupt lokale Prominenz blicken lassen?
Schade. Meiner Meinung nach hat es die Stadt versäumt, ihren Bürgern zu zeigen, dass man sich freuen darf (auch in Görlitz).